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Wie der Mittelstand mit KI & Standards nicht nur im Service Erfolg hat

Maschinen per App steuern, online remote warten und von neuen datenbasierten Diensten profitieren – das Projekt Service-Meister löst individuelle Herausforderungen im Industrieservice mit künstlicher Intelligenz (KI). Der Beitrag zeigt, was es braucht, um kleine, mittlere und mittelständische Unternehmen mit KI im Service voranzubringen. Und welche Rolle Konsortien, Standards und Plattformen für die Wettbewerbsfähigkeit Europas spielen.

Servicefälle frühzeitig erkennen und digitale Mehrwertdienste realisieren – seit rund zwei Jahren stellt Würth eigene Powertools her. Was zum Portfolio dazugehört, ist der passende Maschinenservice. Über Datenanalysen gewinnt Würth Erkenntnisse, die sich zum Beispiel nutzen lassen, um Anwender:innen für ihre Arbeiten ein vielleicht besser geeignetes Gerät aus dem Sortiment zu empfehlen. Oder via App lassen sich in Zukunft individuelle Konfigurationen auf die Geräte laden, um Rüstzeiten zu verkürzen. Nicht anders Trumpf: Der Maschinenbauer stellt den smarten Service in den Mittelpunkt eines neuen Geschäftsmodells. Kund:innen sollen nicht mehr länger in High-Tech-Laserschneidsysteme investieren, sondern nur noch pro produziertem Teil einen zuvor vereinbarten Preis bezahlen. Pay-per-Part-Geschäftsmodellen wie diesem gehört die Zukunft.

Das Projekt Service-Meister: KI-Ökosystem und Service-Plattform

Maschinen per App steuern, online remote warten und von neuen Diensten profitieren – Unternehmen wie Würth und Trumpf zeigen, wie es gehen kann. Im Projekt Service-Meister lösen sie gemeinsam mit KEB, Atlas Copco, Krohne, Open Grid Europe, USU Software, Inovex und Grandcentrix individuelle Herausforderungen im Industrieservice mit künstlicher Intelligenz (KI). Das Ziel von Service-Meister: Bis Ende 2022 sollen die Projektteams ein KI-Ökosystem für den technischen Service im Zeitalter von Industrie 4.0 entwickeln. Eine anlagen-, abteilungen-, und firmenübergreifende Plattform soll Meisterwissen skalierbar, digitale Produkte möglich und den Mittelstand mit KI wettbewerbsfähiger machen. Denn was anderswo normal wird, kommt in Deutschland nur langsam voran.

Chancen intelligenter Mehrwertdienste und Plattformen bleiben bis dato ungenutzt

Laut Mc-Kinsey-Studie aus dem Jahr 2020 liegt der Umsatzanteil von digitalen Plattformen und Mehrwertdiensten europaweit bei nur rund 0,7 Prozent oder gerade mal 6 Milliarden Euro – dabei wären rund 40 Milliarden Euro Umsatz möglich. Die Voraussetzung: Kleine, mittlere und mittelständische Firmen erkennen das Potenzial von Plattformen und Mehrwertdiensten und schöpfen diese mit KI aus. Laut einer Studie des eco Verbands ist bis 2025 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von über 13 Prozent realistisch, wenn die deutsche Wirtschaft die Technologie bis dahin flächendeckend einsetzt.

Europas B2B-Branchen für Plattformmärkte noch erreichbar

Amazon, Facebook und Apple machen vor, wie es gehen kann. Die großen Plattformen teilen mit KI-Anwendungen, digitalen Produkten und intelligenten Services den B2C-Markt unter sich auf. Wo da die Chance für Europa liegt, zeigt Service-Meister: B2B-Branchen wie Maschinenbau, Logistik oder Chemie sind für Plattformmärkte noch erreichbar. So haben beispielsweise Anlagenbauer:innen digitale Technologien als Ausgangspunkt für smarte Fertigungslösungen betrachtet. Um erfolgreich zu sein, müssen Dienste und Plattformen aber den Nutzen der Maschinebetreiber:innen fokussieren. Das KI-basierte Ökosystem von Service-Meister soll daher nicht nur die Basis für den technischen Industrieservice 4.0 sein, sondern eine Plattform für neue kund:innenzentrierte Geschäftsmodelle.

Plattformökonomie braucht Geschäftsmodelle und Standards

Smarte Services entwickeln und digitale Dienste über Plattformen anbieten: Zwar zeigt sich laut Online-Umfrage der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) aus dem Jahr 2020 gerade im Service dafür Potenzial. Was die Entwicklung aber ausbremst, hat McKinsey herausgefunden: Fehlende Geschäftsmodelle (61 Prozent) und fehlende Standards (59 Prozent). Denn während sich Unternehmen vorrangig um verfügbare, leistungsfähige und sichere Anlagen sorgen, wollen Anwender:innen und Kund:innen vor allem hoch kompatible und interoperable Dienste. Um digitale Services derart übergreifend zu realisieren, bedarf es definierter Schnitt- und Nahtstellen.

Standards sind Baustein für Wertschöpfung im Service 4.0

Standards sind ein wesentlicher Baustein für Wertschöpfung im Service 4.0. Wer die technologischen Komponenten unterschiedlicher Hersteller:innen über Standards integrieren möchte, um ihren Lebenszyklus ganzheitlich zu überwachen, ist darauf angewiesen, dass Anlagen mit einer Stimme sprechen. Nur wenn Daten, Formate und Dokumentationen auf Standards aufsetzen, dann lassen sich die Informationen im Service automatisiert weiterverarbeiten. Indem die Industrie 4.0 physische Assets über offene und standardisierte Formate verbindet, entstehen neue datenbasierte Geschäftsmodelle. Wenn sich Informationen entlang des gesamten Lebenszyklus von Maschinen, Diensten und Produkten austauschen lassen, bieten sich Vorteile von der Entwicklung über die Fertigung bis zum Service. Herstellungsprozesse lassen sich optimieren, Anlagen besser auslasten, Kosten reduzieren, Produkte verbessern und die Qualität maximieren.

Informationen standardisiert erfassen, dokumentieren, austauschen und verarbeiten

Um einen derartig interoperablen Datenfluss zu realisieren, steht die Verwaltungsschalte als Referenz bereit. Die Verwaltungsschale ist ein technologisch neutrales Informationsmodell mit semantischen Merkmalen. Alle Assets der Industrie 4.0 lassen sich darüber standardisiert beschreiben. Egal, ob Handbücher, einzelne Sensorwerte oder Echtzeitdatenströme – die Verwaltungsschale liefert ein verbindliches und neutrales Modell, um Informationen erfassen, dokumentieren, austauschen und auch mit KI verarbeiten zu können. Je nach Use Case stellt sie Daten in Teilmodellen etwa für das Maschinendesign oder die Wartung bereit. Und je nach Anwendung tauschen die Nutzer:innen nur die Daten aus, die sie überhaupt weitergeben möchten.

Standardisierte Schnittstellen für den Service

Nicht anders im KI-Projekt Service-Meister: Um kleine, mittlere und mittelständische Unternehmen mit KI im Service voranzubringen, bedarf es standardisierter Schnittstellen für den Informationsaustausch. Nur so lassen sich die Daten aus den Maschinen für die intelligente Wartung nutzen. Und nur so lassen sich digitale Geschäftsmodele realisieren und digitale Services über Plattformen skalieren, wie sie bei Würth und Trumpf gerade entstehen. Denn zwar lösen die Projekttandems aus Mittelstand und IT-Implementierungspartner:in bei Service-Meister vorerst individuelle Herausforderungen der Unternehmen. Aber später werden alle Ergebnisse abstrahiert und offen bereitgestellt, damit jede:r interessierte Anwender:in die KI-Bausteine einsetzen und nutzen kann. So sollen digitale Ratgeber, Chatbots, Augmented Reality-Anwendungen und Apps Meisterwissen skalierbar und neue Geschäftsmodelle möglich machen.

Digitaler Geschäftserfolg mit Konsortien

Auch die Expert:innen von McKinsey sind überzeugt: Die europäische Industrie ist in einer hervorragenden Ausgangsposition. Tiefes Maschinenverständnis, Prozessnähe und ein geringes Investitionsrisiko treffen auf einen potenziell großen Markt. Was die Unternehmen zum Erfolg führen kann: Anbieterkonsortien sind für 77 Prozent der Firmen der Weg, um digitale Plattformen aufzubauen. Konsortien, wie sie Service-Meister versammelt, damit das KI-basierte Serviceökosystem real wird. Schließlich, so ist sich McKinsey sicher, bleiben hierzulande hochwertige analoge Produkte von heute die Basis des digitalen Geschäftserfolgs von morgen.

Topic: KI Service 4.0
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Hauke Timmermann

Hauke Timmermann

Hauke Timmermann ist Projektleiter und Referent für Digitale Geschäftsmodelle beim eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. In seiner Rolle organisiert und steuert er das Konsortium von Service-Meister. Timmermann vertritt eco in verschiedenen KI-Projekten und KI-Standardisierungsgremien, hat verschiedene Digitalisierungsprojekte geleitet, ein Start-up gegründet und für die E-Commerce-Branche gearbeitet. Er studierte Wirtschaftsrecht an der Leuphana in Lüneburg und Business Administration an der HHL in Leipzig.

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